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Noch immer kommt es heute durch ganz bestimmte kulturelle Einflüsse und Bewegungen und durch die Änderung unseres sozialen Lebens zu neuen Richtungen im Bereich des künstlerischen Schmuckschaffens. Schmuck ist ein Medium, das Botschaften vermitteln kann.
So wie die Moderne in der Architektur, Literatur, Malerei, Bildhauerei, im Möbeldesign, so ändert sich zeitentsprechend auch unser Schmuck. Die Suche nach immer neuen Mitteln und Möglichkeiten, Stilrichtungen von oder aus verschiedenen Ländern. Einflüsse von einem zum anderen Land. Ein Aufnehmen Einatmen der Ideen und Weiterentwickeln dieser. Das Eine zum Anderen. Möglichkeiten materialbezogen.
Schmuck hat sich in den letzten 30 Jahren so sehr entwickelt wie kaum eine andere Kunstsparte. Auch ich konnte dazu meinen Beitrag leisten.
1967 ging ich als Goldschmied zu Andrew Grima nach London. Daraus wurden drei Jahre in England. 1969 übernahm ich bei Andrew Grima die Betreuung der Schmuckuhrenkollektion für Omega. Danach fing für mich die Zeit an, mich mit zeitgenössischem Schmuck zu beschäftigen. Stella, Lichtenstein, Jim Dine, Trova prägten meine Arbeit. So auch das farbenprächtige London nach dem allzu grauen Alltag Wiens. Es gelang mir hier, mich von der herkömmlichen Auffassung über Schmuck zu distanzieren und allmählich meine eigenen Akzente zu setzen. Schmuck wurde für mich zum Medium zum Mittel, über den Schmuckträger Aussagen und Zeichen weiterzugeben. Ein Umdenken durch den Schmucktragenden musste stattfinden. Schmuck als freie Form und visuelle Ausstrahlung. Meine ersten Acryl- und Edelmetallarbeiten entstanden.
Bekanntschaft und Freundschaften mit Reinhold Reiling, Claus Bury, Gerd Rothmann, sowie David Watkins und Herman Jünger entstanden. Sowie die Eröffnung der Electrum Gallery in London. 1975 konnte ich mit meiner Frau Sandra ein altes Bauernhaus am Land im südlichen Waldviertel zu erwerben. Am Lande zu arbeiten, heisst für mich auch in Ausgewogenheit zu arbeiten, sich auf Erlebtes zu konzentrieren und es in seiner Art wiederzugeben.
Ich versuche, Schmuck nicht nur im Kleinen, sondern zur Formverdeutlichung auch in grösseren Dimensionen zu zeigen. Unter anderem bekam ich 1986 den Auftrag für eine Brunnenskulptur in WienKagran.
Farbe in meiner Arbeit bedeutete mir in den 70er Jahren sehr viel. Das bunte London, die leuchtende Farbenpracht des Kunststoffes der Reklameschilder in Soho, Leuchtstoffreklame am Picadilly und meine Tätigkeit als Schmuckschaffender in London eine Symbiose aus Farbe, Gold und Silber. Es entstanden meine ersten eigenständigen Schmuckstücke: billiges Gebrauchsmaterial (Acrylglas) dem kostbaren gegenüber gestellt. Von da an ist ein Aspekt in meiner Arbeit, daß ich kontrastreiche Materialien einander gegenüberstelle. Der innere, wirklich wahre Wert ist relevant. Der wahre Wert des Materials ist mir wichtig, es soll seine wahre Eigenschaft zeigen. Ein klares und provokatives Statement ohne irgendwelche Kompromisse: Zinn ist beweglich, Plastik hat Farbe und Gold hat Stärke ähnlich wie Stahl.
Arbeitete ich 1970 mit Kunststoff und Edelmetall, so drückte ich 1980 meine Gedanken in Zinn und Gold aus. Reines Zinn ist sehr weich und der sich Schmückende kann es in vielen verschiedenen Positionen tragen. Kleine Goldsegmente habe ich eingelassen, die die Funktion haben, das Schmuckstück in Position zu halten.
1988 zeigte das Victoria and Albert Museum Arbeiten der Eindrücke meines zweijährigen Aufenthalts in London in einer Personalausstellung.
Als eigenständige Kleinskulpturen und als sich jeweils aufeinander beziehende Bilder oder Wandobjekte gestalte ich meine Arbeiten, um sie dem Publikum näher zu bringen. Schmuck soll nicht in Schatullen abgelegt werden, sondern bei Nichttragen sichtbar aufbewahrt werden. Es findet ein intensiver Bezug zwischen dem Schmuckstück und dem Träger statt. Dies bedeutet, der Schmuck wird auch bewusst mit Gefühl zum richtigen Augenblick getragen und gibt somit seine Zeichen und Aussagen weiter.
Es ist mir bewusst, dass ich auch ein gewisses Maß an Stärke von meinen Schmuckträgern verlange, die sich mit meinem Schmuck in Szene setzen. Es ist viel leichter zu erwähnen, einen Picasso zu Hause zu haben, als zu erklären, warum und wieso ich nun gerade diesen bestimmten Schmuck trage. Aus diesen Gründen ist es mir immer wichtig, auch grössere Objekte und Skulpturen zu machen, die Formen aus meiner Schmuckwelt hervorheben. Schmuck wird hier zum künstlerischen Medium gleichberechtigt mit Malerei, Skulptur, Architektur Inhalte zu vermitteln, die Umwelt in bestimmten Aspekten zu erfassen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Die Qualität von Schmuck zu erfassen, ihn zu schätzen, seinen Sinn zu verstehen, verlangt nicht weniger Aufmerksamkeit als man braucht, um Gemälde oder jede andere Form von Kunst zu bewerten. Schmuck kann jedoch auch noch viel mehr sein. Er kann in andere Sparten wie Mode, Möbel, Theater integriert werden. Doch jeder Schmuckkünstler hat seine Eigenständigkeit und eigene Aussage, seine eigenen geistigen Bezüge zu Form, Material und Themen.
Zu meiner eigenen Arbeit möchte ich sagen: wie Buchstaben Symbole sind, die sich zu Lauten fügen und schliesslich in ihrer Summe als Sprache eine Botschaft weiterleiten, so verstehe ich meine Schmuckobjekte als Zeichen einer von mir geschaffenen inneren Ordnung, die ich versuche, auch meinen Mitmenschen zu vermitteln. Um über den Versuch hinaus zum Ziel des Verstandenwerdens zu gelangen, bedarf es einer gewissen Sensibilität des Gegenübers. Meine Sprache ist nicht kodifiziert, sie wird von mir laufend neu geschaffen und entsteht aus den Eindrücken meiner Zeit aus meiner ganz subjektiv empfundenen Gegenwart und meiner Vergangenheit. Sie bildet sich aus der Reflexion des unmittelbar Erlebten, aus den Erscheinungen, vielleicht auch Sehnsüchten in der heutigen Welt. Themen und Prioritäten können sich dabei ändern. Was mich angeht, soll von mir weitertransportiert werden, nicht in Worten, aber dingfest und greifbar gemacht in stabilen Zeichen am Körper zu tragen. Die Person, die meine Schmuckobjekte anlegt, möge meine Botschaft verstehen und zum Sender meiner Gedanken in meiner künstlerischen Sprache werden.
So auch in meinen letzten Computerarbeiten Der Ring: diese Arbeiten sollen die Zweigeteiltheit und Verschiebbarkeit und damit eine Vielzahl an Einsichten hervorheben. Auch hier wieder: andere Mittel und Möglichkeiten bringen neue Aussagen. In diesem Fall ist das Mittel der Bildschirm des Computers. Der Goldschmied übt sein Handwerk nicht nur mit Feile und Hammer aus, es besteht auch die Möglichkeit, seiner künstlerischen Vorstellung am ComputerZeichenbrett Ausdruck zu verleihen, sich einzuschauen und neue Vorstellungen zu gewinnen, sowie die praktischen und die theoretischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Die Computergrafik hilft mir, diesen Weg in meiner Vorstellung zu beschreiben. Ich habe die Möglichkeit, die Formen und Grössenordnungen darzustellen und zu überprüfen in einer für mich durchaus realen Form.
Fritz Maierhofer